300 Janine Wissler Hintergrund weissJanine Wissler

Schloßplatz 1-3
65183 Wiesbaden
Zimmer: 217M

0611 - 350.6073

Sprecherin für: Energiepolitik, Forschungspolitik, Gentechnologie, Jugendpolitik, Verkehrspolitik, Wirtschaftspolitik, Wissenschaft u. Kunst

Ausschüsse

  • Wirtschaft und Verkehr (WVA)
  • Wissenschaft und Kunst (WKA)

Zur hessischen Wasserstoffstrategie

In seiner 59. Plenarsitzung am 12. November 2020 diskutierte der Hessische Landtag über die hessische Wasserstoffstrategie. Dazu die Rede unserer energiepolitischen Sprecherin und Fraktionsvorsitzenden, Janine Wissler

Herr Präsident, meine Damen und Herren!

Die FDP hat heute ein Loblied auf den Wasserstoff und die Wasserstofftechnologie gesungen. Ich sage es einmal so: An einigen Punkten haben Sie auch recht. Aber so weit, wie der Antragstitel geht und fordert, Hessen zur Wasserstoffgesellschaft zu machen, so weit wollen wir nicht gehen. Ganz im Gegenteil: Wir warnen vor der Überhöhung einer Wasserstofftechnologie als Allheilmittel. Was wir brauchen, ist die Energiewende. Darauf müssen wir setzen.

(Beifall DIE LINKE)

Die Vision, die Sie hier zeichnen, folgt dem Konzept des US-Ökonomen Jeremy Rifkin, dessen Buch zur Wasserstoffgesellschaft von 2002 auch hierzulande einen mittelgroßen Wasserstoffhype auslöste. Er skizzierte den möglichen Wandel von der Erdöl- zur Wasserstoffgesellschaft. Das Gedankenspiel hat aber den Haken, dass es im Gegensatz zum Öl keine abbaubaren natürlichen Vorkommen von nutzbarem Wasserstoff gibt. Wasserstoff ist keine Energiequelle, sondern ist Energieträger. Die Energie muss irgendwo herkommen; das hat der Kollege Grüger schon gesagt, und die Kollegin Müller hat auch darauf hingewiesen. Bisher kommt Wasserstoff vor allem aus fossilen Energien.

Es ist sinnvoll, die Erforschung der Wasserstofftechnologie zu fördern. Für bestimmte Anforderungen kann Wasserstoff bzw. die Brennstoffzelle eine Lösung sein, in der Luftfahrt mit ihren Gewichtsbeschränkungen, im Langstreckengüterverkehr, oder um Eisenbahnstrecken ohne Oberleitung elektrisch zu nutzen. Aber da hat die Kollegin Müller recht: Besser und effizienter sind eben Oberleitungen.

Ich knüpfe an die Frage des Kollegen Grüger an, woher der Wasserstoff kommt. Klar ist für uns: Wasserstoff darf ausschließlich aus erneuerbaren Energien gewonnen werden, also grüner Wasserstoff. 90 % des heute genutzten Wasserstoffs sind allerdings grauer Wasserstoff, der aus Erdgas gewonnen wird, und der ist Teil des zu überwindenden Problems und nicht der Lösung. Das gilt selbstverständlich auch für den sogenannten blauen Wasserstoff, der ebenso aus Erdgas gewonnen wird, wobei aber das bei der Entstehung anfallende CO2 unter die Erde verpresst wird.

Nein: Wasserstoff muss grün sein, und wenn man sich auf diese Prämisse verständigt hat, dann ist Wasserstoff letztlich bloß eine Speichertechnologie für erneuerbare Energien. Bisher war die FDP nicht der größte Anhänger davon. Vielleicht ändert sich das jetzt. Wenn man Wasserstoff wirklich sinnvoll nutzen will, brauchen wir den massiven Ausbau der erneuerbaren Energien; denn nur so kann er bei der Energiewende eine wichtige Rolle spielen. Aber der entscheidende Schritt steht davor.

Denn solange die Primärenergie nicht zu 100 % erneuerbar gewonnen wird und nicht im Überfluss vorhanden ist, so lange sind die Elektrolyse und Wiederverstromung von Wasserstoff eine ziemliche Energieverschwendung. Darauf wurde schon hingewiesen.

Wenn aus Strom Wasserstoff gewonnen wird, dieser Wasserstoff dann mit Tankwagen zu Tankstellen gefahren wird und dieser Wasserstoff in einer Brennstoffzelle wieder zu Strom wird, um einen Elektromotor anzutreiben, dann sind unterwegs 80 bis 90 % der ursprünglichen Energie verloren gegangen. Auch ohne die Rückverstromung bleibt ein Verlust von zwei Dritteln bis drei Vierteln.

Natürlich gibt es auch in den Stromnetzen Übertragungsverluste, aber sie sind doch geringer als bei dieser Technologie. Das heißt, man kann sagen: Es ist zu teuer, es ist überhaupt nicht wirtschaftlich, die Verluste sind zu groß. Wenn der Strom zur Elektrolyse dann auch noch aus fossilen Energien gewonnen wurde, dann ist der Energiewende und dem Klimaschutz ein Bärendienst erwiesen worden. Das heißt, Wasserstoff aus fossilen Energien ist überhaupt nicht sinnvoll. Da kann ich den Vorrednern zustimmen.

(Beifall DIE LINKE, SPD und vereinzelt BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Fahrzeuge, die mit Batterien angetrieben werden, die direkt aus dem Stromnetz geladen werden, sind hier im Vorteil.

Allerdings bleibt, egal ob wir über Wasserstoff oder Batterien als Energieträger reden, das Problem der grundsätzlich begrenzten Strommenge im Netz. Lassen wir einmal die Industrie außen vor, auch die Luftfahrt und die Schifffahrt und alles andere. Wenn wir alleine den Autoverkehr und die Beheizung von Gebäuden komplett auf Ökostrom umstellten, bräuchten wir ein Vielfaches des heute erzeugten Stroms, und das zu 100 % erneuerbar. Das ist eine ziemlich heftige Aufgabe, und das geht auch nicht schneller vonstatten, wenn man sich vor Ort gegen jedes Windrad wehrt, liebe Kolleginnen und Kollegen von der FDP.

(Beifall DIE LINKE, SPD und vereinzelt BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Deshalb noch ein paar Sätze zum Grundsätzlichen. Der Wasserstoffmythos ist verlockend für alle, die eigentlich nicht wirklich etwas verändern wollen, die möchten, dass Verkehr grundsätzlich weiterhin so funktioniert, wie er heute funktioniert oder, wie ich sagen würde, wie er heute nicht funktioniert.

Speichertechnologien – darin sind wir uns einig – sind ein wichtiger Baustein der Energiewende; denn um überschüssigen Wind- oder Sonnenstrom zu speichern, brauchen wir Speichertechnologien. Derzeit haben wir allerdings eher einen Überschuss an Kohlestrom im Netz.

In einer fernen Zukunft, in der wir möglicherweise sauberen Strom im absoluten Überfluss haben sollten, wenn die erneuerbaren Energien nicht nur 100 % des Strombedarfs decken, sondern wir einen enormen Überfluss haben, dann kann man ihn auch in großem Stil per Elektrolyse speichern, als Power-to-Gas-Verfahren oder wie auch immer.

Aber dafür haben wir jetzt nicht die Zeit. Weder die Brennstoffzelle noch Batterieautos werden uns kurzfristig retten. Entscheidend gerade für das Erreichen der Klimaziele ist, dass wir jetzt und entschlossen umsteuern. Da ist der Weg klar: Das geht nicht ohne gesellschaftliche Veränderungen. Das geht nicht ohne Veränderung in der Art und Weise, zu wirtschaften. Das geht nicht ohne Energiesparen, ohne den Verkehr zu reduzieren. Das geht nicht ohne Verkehrswende und Energiewende, und es geht nicht, ohne den Transportirrsinn in irgendeiner Form zu regulieren, den Lkw-Verkehr reduzieren. Das ist sinnvoller und notwendiger, als einfach nur den Antrieb auszutauschen.

Deswegen müssen wir über eine andere Form des Wirtschaftens reden, weil wir wissen, dass die Industriestaaten zu viele Ressourcen verbrauchen, zu viel Verkehr verursachen, zu viel Wald abholzen und zu viel Fläche versiegeln. An der Stelle müssen wir handeln, um die Klimaziele zu erreichen. Darauf zu setzen, dass eine Technologie uns auf magische Art und Weise mehr oder weniger so weitermachen lässt wie zuvor, halten wir für einen Irrweg.

Nichtsdestotrotz halten wir es durchaus für sinnvoll – beim Text des Antrags haben wir unsere Fragezeichen –, darüber zu reden, eine Anhörung zu dem Thema zu machen, auch um zu schauen, wo wir in Hessen stehen. Aber bei der Anhörung sollten wir nicht nur darüber diskutieren, welche Möglichkeiten Wasserstofftechnologie bietet. Wie gesagt, sie bietet Möglichkeiten, aber sie hat auch Grenzen. Über beides zu sprechen, wäre eine durchaus interessante Anhörung im Wirtschaftsausschuss. Wir können im Ausschuss diskutieren und schauen, ob wir eine solche Anhörung machen, wie man die Energiewende in Hessen gestalten kann und welche Rolle die Wasserstofftechnologie dabei spielen kann. – Vielen Dank.

(Beifall DIE LINKE, vereinzelt SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)