300 Janine Wissler Hintergrund weissJanine Wissler

Schloßplatz 1-3
65183 Wiesbaden
Zimmer: 217M

0611 - 350.6073

Sprecherin für: Energiepolitik, Forschungspolitik, Gentechnologie, Jugendpolitik, Verkehrspolitik, Wirtschaftspolitik, Wissenschaft u. Kunst

Ausschüsse

  • Wirtschaft und Verkehr (WVA)
  • Wissenschaft und Kunst (WKA)

Schulabsolvent*innen und Ausbildungsbetrieben eine Perspektive geben

In seiner 52. Plenarsitzung am 3. September 2020 diskutierte der Hessische Landtag über die Situation von Absolvent*innen und Auszubildenden in der Corona-Krise. Dazu die Rede unserer Vorsitzenden Janine Wissler.

Herr Präsident, meine Damen und Herren!

Ja, gerade hat das neue Ausbildungsjahr begonnen. Wir müssen feststellen: Die Corona-Krise verschärft die ohnehin nicht gerade rosige Lage auf dem Ausbildungsmarkt ganz erheblich. Es gibt deutschlandweit weniger Ausbildungsstellen als im Vorjahr. Das sind etwa 8 %. Das ist der Stand Ende Juli 2020.

In Hessen ist die Zahl sogar noch etwas höher. Dort gab es Ende Juni sogar 10 % weniger. Das heißt also, die CoronaKrise verschärft die ohnehin sinkende Ausbildungsbereitschaft. Die Zahl der Betriebe, die ausbilden, ist im vergangenen Jahr nochmals gesunken. Sie liegt jetzt bei 19 %. Das heißt, weniger als ein Fünftel aller Betriebe bildet aus.

Frau Heitland, da muss ich schon etwas fragen. Sie haben von einer „hohen Ausbildungsbereitschaft“ der Unternehmen gesprochen. Ich empfehle Ihnen diese Publikation der Landesregierung.

(Die Rednerin hält eine Broschüre hoch.)

Sie haben sie? Ich weiß nicht, ob Sie sie gelesen haben. Sie haben von einer „hohen Ausbildungsbereitschaft“ gesprochen. Darin ist vermerkt, dass im Vergleich zum Jahr 2010 die Anzahl der hessischen Ausbildungsbetriebe insgesamt um etwa 8 % gesunken ist.

Es wird auch vermerkt, dass wir weiterhin einen Mangel an Ausbildungsplätzen haben. Ich weiß nicht genau, was Sie unter „hoher Ausbildungsbereitschaft“ verstehen. Aber das Absinken um 8 % würde ich nicht als „hohe Ausbildungsbereitschaft“ ansehen. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall. Ich würde sagen: Wir haben ein riesiges Problem, weil nur noch ein Fünftel aller Unternehmen überhaupt ausbildet.

(Beifall DIE LINKE)

Bei diesem Trend droht eine weitere Verschärfung. Ja, wir haben teilweise wirklich ein Nebeneinander des Fachkräftemangels, über den gesprochen wird, und der zu wenigen Ausbildungsstellen. Fast 15.000 junge Menschen sind in Hessen auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Wenn jetzt noch die Menschen hinzukommen, die ihren Ausbildungsplatz wegen der Corona-Krise verlieren, und quasi ein Stau entsteht, dann wird das die sozialen Ungerechtigkeiten natürlich noch verschärfen.

Wir wissen doch, wer die Jugendlichen sind, die auf dem Ausbildungsmarkt besonders benachteiligt sind. Das sind die Jugendlichen mit Hauptschulabschluss. Das sind die Jugendlichen mit Migrationsgeschichte. Sie haben es oft besonders schwer, einen Ausbildungsplatz zu finden.

Wer einen Ausbildungsplatz hat, hängt häufig in der Luft. Auch das verschärft sich durch die Corona-Krise. Fast 40 % der Auszubildenden wissen im ersten Ausbildungsjahr nicht, ob sie von ihrem Betrieb überhaupt übernommen werden. 30 % derjenigen, die übernommen werden, bekommen nur einen befristeten Vertrag. Das ist jetzt schon die Situation – ohne die Corona-Krise.

Die Lage der Auszubildenden und der potenziell Auszubildenden ist somit in Corona-Zeiten prekärer als zuvor. Die Krise verschärft die bereits existierenden Probleme. Das betrifft natürlich einige Branchen ganz besonders. Deswegen ist auch klar, dass das Land handeln muss.

Die Unternehmen müssen unterstützt werden, ihre Ausbildungsplätze zu erhalten. Dabei ist natürlich der wichtigste Schutz, die Unternehmen vor der Pleite zu bewahren. Das gilt ganz besonders für Branchen wie den Veranstaltungsbereich, den Kulturbereich, aber auch für die Reisebüros, die Reisebranche und die Gastronomie. Die Soforthilfen aus dem Frühjahr sind in vielen Bereichen längst aufgezehrt. Deswegen sind Bund und Landesregierung aufgefordert, alles dafür zu tun, ein Ausbildungsdesaster zu verhindern. Diese Krise darf nicht auf Kosten der jungen Menschen gehen, die in einer Berufsausbildung sind oder eine machen möchten.

(Beifall DIE LINKE)

Im Übrigen müssen auch die Berufsschulen krisenfest gemacht werden. Was die Ausstattung der Berufsschulen angeht, haben wir eine ganze Menge Nachholbedarf.

Das System der dualen Ausbildung zu stärken, bedeutet auch, mehr Gerechtigkeit hineinzubringen. Ich habe es eben gesagt: Nicht einmal ein Fünftel der Betriebe bildet aus. Der Rest macht sich einen schlanken Fuß. Ich finde, da ist die gewerkschaftliche Forderung nach einer Ausbildungsplatzumlage nicht überholt. Diejenigen, die sich der Verantwortung entziehen, sollen sich wenigstens finanziell beteiligen. Ich finde, das ist gerade in der Krise besonders wichtig, damit man Unternehmen unterstützen kann, die grundsätzlich ausbilden wollen, die jetzt aber in eine wirtschaftliche Schieflage gekommen sind, sodass sie keine Ausbildung mehr anbieten können. Ich finde, auch da brauchen wir Gerechtigkeit. Die Lasten müssen fair verteilt werden. Der Ausbildungsmarkt muss wesentlich krisensicherer gemacht werden.

Natürlich muss man auch sehen, dass die Übergangssysteme, die sogenannten Warteschleifen, für viele Jugendliche eine Sackgasse sind. Wir haben eine ganze Menge Jugendliche, die nach wie vor aus dem System herausfallen. Sie finden keinen Ausbildungsplatz und machen dann auch keine Ausbildung. Vielmehr gehen sie einfach als Ungelernte in den Niedriglohnsektor. Auch diese Jugendlichen dürfen wir nicht aus den Augen verlieren. Das sind in Hessen nämlich nicht wenige. Das kann man in dem Bericht nachlesen.

Ich will noch hinzufügen, dass die Krise auch kein Vorwand sein darf, die Ausbildungsaktivitäten ohne Not zu reduzieren. Das gilt insbesondere für Betriebe und Konzerne, die vom Staat Hilfen bekommen haben. Diese Hilfe des Staats muss an Beschäftigungssicherung gebunden werden. Das gilt auch für die Sicherung der betrieblichen Ausbildung.

(Vereinzelter Beifall DIE LINKE)

Ich komme zum Schluss meiner Rede. Die aktuellen, die angehenden Auszubildenden und auch die Betriebe brauchen dringend Hilfe, damit die Ausbildung fortgesetzt werden kann. Unternehmen können in Schwierigkeiten geraten. Dann ist die Forderung nach einem Ausbildungsbonus für Unternehmen, die Auszubildende aus insolventen Betrieben übernehmen, richtig. In diesem Sinne wünschen wir allen, die gerade in diesen schwierigen Zeiten eine Ausbildung beginnen, alles Gute. Ich denke, Politik und Wirtschaft sind jetzt aufgefordert, möglichst viele Steine aus dem Weg zu räumen. – Vielen Dank.

(Beifall DIE LINKE und vereinzelt SPD)